Mit einer realitätsnahen Unfallsimulation, Einblicken in sensible Klinikbereiche und persönlichen Erfahrungsberichten hat der Präventionstag „Stay alive“ in Goslar erneut Jugendliche über die Gefahren im Straßenverkehr aufgeklärt. Rund 100 Schülerinnen und Schüler aus der Region erlebten auf dem Gelände der Asklepios Harzklinik, wie schnell Alkohol, Drogen oder ein kurzer Blick aufs Smartphone lebensgefährliche Folgen haben können. Die Veranstalter setzen bewusst auf direkte Konfrontation – in der Hoffnung, riskante Entscheidungen junger Fahranfänger langfristig zu verhindern.

Goslar, 12. Mai 2026

Sirenen schneiden durch die Luft, Rettungskräfte laufen zwischen zerstörten Fahrzeugen hindurch, Feuerwehrleute arbeiten mit schwerem Gerät an einer eingedrückten Karosserie. Auf den ersten Blick wirkt die Szene vor der Asklepios Harzklinik Goslar wie der Einsatz nach einem schweren Verkehrsunfall. Tatsächlich handelt es sich um eine Übung – doch genau darin liegt das Prinzip des Präventionstags „Stay alive“.

Die Veranstaltung richtet sich seit Jahren gezielt an Jugendliche und junge Erwachsene. Auch in diesem Jahr kamen rund 100 Schülerinnen und Schüler aus Goslar und dem Harz zusammen, um sich mit den Risiken von Alkohol, Drogen und Ablenkung im Straßenverkehr auseinanderzusetzen. Organisiert wurde der Präventionstag von der Asklepios Harzklinik gemeinsam mit Polizei, Feuerwehr, Rettungsdienst, Deutschem Roten Kreuz und dem Kriseninterventionsteam des Landkreises Goslar.

Das Konzept unterscheidet sich bewusst von klassischen Unterrichtsformaten oder theoretischen Vorträgen. Statt Broschüren und Verkehrsregeln stehen drastische Bilder, reale Einsatzabläufe und emotionale Eindrücke im Mittelpunkt. Die Jugendlichen sollen nicht abstrakt über Gefahren sprechen – sie sollen erleben, welche Folgen wenige Sekunden Unachtsamkeit haben können.

Wenn aus Sekunden ein Ausnahmezustand wird

Im Zentrum des Präventionstags stand erneut eine aufwendig inszenierte Unfallsimulation. Mehrere Fahrzeuge waren ineinander verkeilt, Einsatzkräfte sicherten die Unfallstelle, Verletzte wurden versorgt. Die Jugendlichen beobachteten aus unmittelbarer Nähe, wie Feuerwehrleute Türen heraustrennten und eingeklemmte Personen aus einem Fahrzeugwrack befreiten.

Die Szenen wirkten beklemmend real. Geschminkte Verletzungen, hektische Kommandos und der koordinierte Ablauf der Rettungskette machten deutlich, wie schnell sich eine alltägliche Situation in eine Katastrophe verwandeln kann.

Viele der Schülerinnen und Schüler verfolgten die Übung schweigend. Gerade diese Wirkung ist von den Veranstaltern ausdrücklich beabsichtigt. Der Präventionstag soll kein Event mit Unterhaltungscharakter sein. Er soll irritieren, nachdenklich machen und sich einprägen – möglichst lange über den Tag hinaus.

Im Fokus standen dabei typische Ursachen schwerer Verkehrsunfälle bei jungen Fahrern: Alkohol am Steuer, Drogenkonsum, überhöhte Geschwindigkeit und Ablenkung durch Smartphones. Besonders die Nutzung des Handys während der Fahrt gilt inzwischen als eines der größten Risiken im Straßenverkehr.

Die Organisatoren machten deutlich, wie kurz der Zeitraum ist, in dem aus Routine Kontrollverlust wird. Ein Blick auf das Display, eine Nachricht, ein Moment der Unaufmerksamkeit – mehr brauche es oft nicht.

Rettungskräfte zeigen die Realität hinter Unfallmeldungen

Für Feuerwehr, Polizei und Rettungsdienst gehört derartige Arbeit zum Alltag. Für die Jugendlichen dagegen war es häufig die erste direkte Begegnung mit den Folgen schwerer Verkehrsunfälle.

Die Einsatzkräfte erklärten während der Demonstrationen, wie komplex Rettungseinsätze nach schweren Kollisionen ablaufen. Jede Minute zählt, gleichzeitig müssen Entscheidungen unter enormem Zeitdruck getroffen werden. Während Feuerwehrleute eingeklemmte Personen befreien, stabilisieren Notärzte Verletzte und koordinieren Rettungsteams den Ablauf vor Ort.

Der Präventionstag vermittelte dabei nicht nur die technische Seite solcher Einsätze. Auch die psychische Belastung für Einsatzkräfte wurde thematisiert. Schwere Unfälle, insbesondere mit jungen Beteiligten, hinterlassen oft Spuren – nicht nur bei Betroffenen und Angehörigen, sondern auch bei denen, die täglich zu solchen Einsätzen ausrücken.

Gerade diese Perspektive machte auf viele Teilnehmende Eindruck. Verkehrsunfälle erscheinen Jugendlichen häufig abstrakt – als Meldung auf dem Smartphone oder kurze Nachricht im Radio. Die direkte Konfrontation mit den Abläufen vor Ort verändert diesen Blick deutlich.

Einblicke in Bereiche, die sonst verborgen bleiben

Besonders eindrücklich waren für viele Jugendliche die Besuche innerhalb der Klinik. Die Schülerinnen und Schüler erhielten Zugang zu Bereichen, die im normalen Klinikalltag nicht öffentlich zugänglich sind.

Im Schockraum der Zentralen Notaufnahme erklärten Mediziner, wie Schwerverletzte nach Verkehrsunfällen versorgt werden. Dort entscheidet sich häufig innerhalb weniger Minuten, ob Patienten überleben oder bleibende Schäden davontragen.

Die Jugendlichen erfuhren, wie eng die Abläufe zwischen Rettungsdienst, Notaufnahme und Spezialisten abgestimmt sein müssen. Jeder Handgriff folgt klaren Strukturen. Fehler oder Verzögerungen können gravierende Folgen haben.

Besonders still wurde es bei den Einblicken in die Leichenhalle der Klinik. Die Veranstalter verzichten bewusst auf Dramatisierung, verschweigen aber auch nicht die Realität. Schwere Verkehrsunfälle enden immer wieder tödlich – gerade bei jungen Menschen.

Die Konfrontation mit diesem Teil der Realität gehört zum Konzept von „Stay alive“. Ziel ist es nicht, Angst zu erzeugen. Vielmehr sollen die Jugendlichen verstehen, dass riskantes Verhalten im Straßenverkehr nicht nur Bußgelder oder Führerscheinentzug bedeuten kann, sondern im schlimmsten Fall Leben kostet.

Persönliche Erfahrungen statt theoretischer Warnungen

Einen besonders nachhaltigen Eindruck hinterließ erneut der Bericht eines jungen Mannes, der selbst alkoholisiert einen schweren Unfall verursacht hatte. Vor den Jugendlichen schilderte er offen, wie er nach einer Feier mit 1,8 Promille Alkohol im Blut ein Fahrzeug steuerte und kurz darauf die Kontrolle verlor.

Nach eigenen Angaben blieben er und sein Beifahrer damals körperlich unverletzt. Die Folgen des Vorfalls prägen ihn dennoch bis heute. Er sprach über Schuldgefühle, Angst und die Erkenntnis, wie knapp die Situation ausgegangen war.

Gerade solche persönlichen Berichte verleihen dem Präventionstag eine besondere Wirkung. Zahlen und Statistiken bleiben oft abstrakt. Die Geschichte eines Menschen, der selbst eine folgenschwere Entscheidung getroffen hat, erreicht viele Jugendliche unmittelbarer.

Die Botschaft war eindeutig: Niemand glaubt vorab, selbst einen schweren Unfall zu verursachen. Genau darin liege die Gefahr.

Junge Fahrer bleiben besonders gefährdet

Die Organisatoren des Präventionstags verweisen seit Jahren auf ein Problem, das Verkehrsexperten bundesweit beschäftigt: Junge Fahrer gehören statistisch weiterhin zu den besonders gefährdeten Gruppen im Straßenverkehr.

Unerfahrenheit, Selbstüberschätzung und Gruppendruck spielen bei vielen schweren Unfällen eine Rolle. Hinzu kommen Alkohol, Drogen oder Ablenkung durch mobile Geräte. Gerade in den ersten Jahren nach dem Führerschein steigt bei vielen jungen Erwachsenen die Risikobereitschaft.

Polizei und Rettungskräfte erleben regelmäßig, wie aus vermeintlich harmlosen Situationen schwere Kollisionen entstehen. Dabei geht es nicht immer um spektakuläre Raserei. Oft reichen Sekundenbruchteile aus.

Ein kurzer Blick aufs Smartphone bei Tempo 50 bedeutet bereits mehrere Meter Fahrt ohne Aufmerksamkeit auf die Straße. Kommt in diesem Moment ein Fußgänger auf die Fahrbahn oder bremst ein vorausfahrendes Auto abrupt, bleibt kaum Reaktionszeit.

Genau an diesem Punkt setzt „Stay alive“ an. Die Jugendlichen sollen nicht belehrt werden, sondern die Konsequenzen riskanten Verhaltens nachvollziehen können – möglichst bevor sie selbst regelmäßig mit dem Auto unterwegs sind.

Unterstützung aus Politik und Gesundheitswesen

Unterstützt wurde die Veranstaltung auch in diesem Jahr von Vertretern aus Politik und Gesundheitswesen. Der Beauftragte der Bundesregierung für Sucht- und Drogenfragen, Prof. Dr. med. Hendrik Streeck, richtete sich per Videobotschaft an die Teilnehmenden.

Darin warnte er vor den Folgen von Alkohol und Drogen im Straßenverkehr und verwies auf die oftmals lebenslangen Konsequenzen schwerer Unfälle. Betroffen seien nicht nur Fahrer oder Mitfahrer, sondern ebenso Familien, Freunde und Einsatzkräfte.

Die Schirmherrschaft für den Präventionstag übernahm erneut Goslars Landrat Dr. Alexander Saipa. Gemeinsam mit Vertretern der Asklepios Harzklinik eröffnete er die Veranstaltung.

Dass Einrichtungen aus Medizin, Rettungswesen, Verwaltung und Polizei gemeinsam an dem Projekt arbeiten, ist Teil des Konzepts. Verkehrsprävention soll nicht isoliert stattfinden, sondern möglichst viele Perspektiven sichtbar machen.

Warum emotionale Prävention bewusst eingesetzt wird

Die Verantwortlichen setzen seit Jahren gezielt auf emotionale Eindrücke. Der Ansatz ist nicht unumstritten, gilt in der Präventionsarbeit jedoch als wirkungsvoll – insbesondere bei jungen Zielgruppen.

Viele Jugendliche erleben Gefahren zunächst nur digital: als kurze Clips, Nachrichten oder Bilder in sozialen Netzwerken. Der Präventionstag versucht, diese Distanz aufzubrechen. Wer unmittelbar neben einem zerstörten Fahrzeug steht, den Ablauf einer Rettung erlebt oder den Schockraum einer Klinik betritt, nimmt die Risiken anders wahr.

Dabei verzichten die Organisatoren bewusst auf übertriebene Dramatisierung. Die Szenen wirken deshalb intensiv, weil sie realitätsnah bleiben.

Für viele Teilnehmende dürfte genau das den Unterschied machen. Verkehrsunfälle erscheinen oft weit entfernt – bis plötzlich sichtbar wird, wie schnell sie Teil der eigenen Lebensrealität werden können.

Ein Tag, der im Gedächtnis bleiben soll

Als der Präventionstag am Nachmittag endet, lösen sich die Gruppen langsam auf. Die Gespräche unter den Jugendlichen drehen sich noch immer um die Szenen des Tages: das zerstörte Fahrzeug, die Arbeit der Feuerwehr, die Eindrücke aus der Klinik.

Genau darauf hoffen die Organisatoren. „Stay alive“ soll keine kurzfristige Betroffenheit erzeugen, sondern langfristiges Bewusstsein schaffen. Ob sich dadurch später tatsächlich Unfälle verhindern lassen, lässt sich kaum messen.

Für die Beteiligten steht dennoch fest, warum sie den Aufwand jedes Jahr erneut betreiben. Wenn Jugendliche nach diesem Tag das Smartphone im Auto weglegen, nach einer Feier nicht selbst fahren oder riskante Entscheidungen überdenken, könnte genau das bereits den entscheidenden Unterschied machen.

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