Nach mehr als sechs Jahrzehnten endet in der Goslarer Innenstadt die Geschichte eines traditionsreichen Fachgeschäfts. Das Wäsche- und Dessoushaus „Holzberg“ wird im September seine Türen schließen. Mit dem Rückzug der Inhaberin verschwindet nicht nur ein langjähriges Einzelhandelsunternehmen aus der Altstadt, sondern auch eine feste Größe des innerstädtischen Handels – und es bleibt offen, wie die frei werdende Fläche künftig genutzt wird.
Goslar, 4. Juni 2026 – In der Hokenstraße geht eine Ära zu Ende. Das Fachgeschäft „Holzberg – Dessous & Mehr“ wird nach 62 Jahren seinen Betrieb einstellen. Für viele Goslarerinnen und Goslarer ist die Nachricht weit mehr als die Schließung eines weiteren Ladengeschäfts. Mit dem Ende von Holzberg verschwindet ein Unternehmen, das über Generationen hinweg zum vertrauten Bild der Innenstadt gehörte und dessen Geschichte eng mit der Entwicklung des lokalen Einzelhandels verbunden ist.
Seit einigen Wochen läuft bereits der Räumungsverkauf. Am 24. September soll endgültig Schluss sein. Dann werden die Türen des Traditionsgeschäfts zum letzten Mal schließen.
Eine feste Adresse im Goslarer Einzelhandel
Die Geschichte von Holzberg begann im Jahr 1964. In einer Zeit, als inhabergeführte Fachgeschäfte das Stadtbild prägten und persönliche Beratung als selbstverständlich galt, eröffnete das Ehepaar Holzberg ein Wäschefachgeschäft in der Fischemäkerstraße. Schnell entwickelte sich das Unternehmen zu einer bekannten Anlaufstelle für hochwertige Wäsche, Nachtbekleidung und Miederwaren.
Der Name Holzberg blieb über die Jahrzehnte erhalten, obwohl das Geschäft später neue Eigentümer erhielt. Anfang der 1980er-Jahre übernahmen Klaus und Gisela Appelt den Betrieb und führten ihn weiter. Mit dem Umzug an den heutigen Standort in der Hokenstraße im Jahr 1987 begann ein weiteres Kapitel der Unternehmensgeschichte.
Während sich die Innenstadt veränderte, neue Handelskonzepte entstanden und viele traditionelle Fachgeschäfte verschwanden, behauptete sich Holzberg über Jahrzehnte hinweg mit einem klaren Profil. Das Geschäft setzte konsequent auf Spezialisierung, persönliche Beratung und hochwertige Produkte.
Gerade diese Beständigkeit machte Holzberg für viele Kundinnen zu einer festen Größe. Wer Wert auf individuelle Beratung legte, fand hier oft über viele Jahre hinweg dieselben Ansprechpartnerinnen und eine vertraute Atmosphäre.
Der Abschied einer Unternehmerin
Mit der Schließung endet zugleich die berufliche Laufbahn von Cornelia Greb, die das Unternehmen seit vielen Jahren prägt. Ihre Verbindung zu Holzberg reicht weit zurück: Bereits 1980 begann sie ihre Ausbildung im Geschäft. Nach verschiedenen beruflichen Stationen und familienbedingten Unterbrechungen kehrte sie zurück und übernahm schließlich im Jahr 2010 die Leitung.
Nun hat sie sich entschieden, den Betrieb aufzugeben und in den Ruhestand zu gehen. Nach Jahrzehnten im Einzelhandel möchte sie künftig mehr Zeit für private Projekte und ihre Familie haben.
Die Entscheidung markiert einen persönlichen Einschnitt, steht jedoch zugleich exemplarisch für eine Entwicklung, die vielerorts zu beobachten ist. Zahlreiche inhabergeführte Fachgeschäfte stehen vor der Frage, wie eine Nachfolge organisiert werden kann. Oftmals fehlt es an Interessenten, die bereit sind, ein etabliertes Geschäft weiterzuführen.
Die ungelöste Nachfolgefrage
Auch bei Holzberg konnte keine Nachfolgelösung gefunden werden. Damit reiht sich das Unternehmen in eine wachsende Zahl mittelständischer Betriebe ein, die trotz funktionierender Geschäftsmodelle vor dem Ende stehen, weil die Übergabe an eine neue Generation nicht gelingt.
Gerade im stationären Einzelhandel stellt die Unternehmensnachfolge eine zunehmende Herausforderung dar. Die Anforderungen an Unternehmerinnen und Unternehmer sind hoch, gleichzeitig verändern sich Marktbedingungen und Konsumverhalten spürbar. Viele potenzielle Nachfolger entscheiden sich daher gegen den Schritt in die Selbstständigkeit.
Für Holzberg bedeutet dies das Ende einer Unternehmensgeschichte, die über sechs Jahrzehnte hinweg Bestand hatte.
Mehr als ein Geschäft für Dessous und Wäsche
Für viele Stammkundinnen war Holzberg nie nur ein Ort zum Einkaufen. Das Fachgeschäft lebte von persönlicher Beratung, individueller Betreuung und langfristigen Kundenbeziehungen. Über die Jahre entstand eine besondere Nähe zwischen Geschäft und Kundschaft.
Gerade in einer Branche, in der Passform, Qualität und Vertrauen eine wichtige Rolle spielen, entwickelte sich diese persönliche Verbindung zu einem wesentlichen Erfolgsfaktor. Viele Kundinnen blieben dem Geschäft über Jahrzehnte treu.
Nicht selten kamen mehrere Generationen derselben Familie nach Holzberg. Die persönliche Beratung und die Kontinuität des Teams galten vielen als Besonderheit in einer zunehmend standardisierten Handelswelt.
Verwurzelung in der Goslarer Innenstadt
Die Bedeutung von Holzberg reichte über das eigentliche Warenangebot hinaus. Das Unternehmen war Teil des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens der Innenstadt. Die Inhaberin engagierte sich in lokalen Netzwerken, unterstützte Aktionen des Einzelhandels und beteiligte sich an Veranstaltungen, die das Zentrum beleben sollten.
Ob Modenschauen, verkaufsoffene Sonntage oder gemeinsame Innenstadtaktionen – Holzberg war über Jahre hinweg präsent. Solche Aktivitäten tragen dazu bei, Innenstädte als lebendige Begegnungsorte zu erhalten und den lokalen Handel sichtbar zu machen.
Mit der Schließung verliert die Innenstadt daher nicht nur ein Fachgeschäft, sondern auch einen langjährigen Mitgestalter des öffentlichen Lebens.
Der Wandel verändert die Innenstädte
Die Schließung von Holzberg steht zugleich für tiefgreifende Veränderungen im deutschen Einzelhandel. Seit Jahren kämpfen viele Innenstädte mit sinkenden Besucherzahlen, verändertem Kaufverhalten und wachsendem Wettbewerbsdruck durch den Online-Handel.
Während Kundinnen und Kunden früher gezielt Fachgeschäfte aufsuchten, informieren sie sich heute häufig digital, vergleichen Preise online oder bestellen Waren direkt über das Internet. Diese Entwicklung hat die Rahmenbedingungen für den stationären Handel nachhaltig verändert.
Hinzu kommen steigende Betriebskosten, höhere Anforderungen an Unternehmen und ein insgesamt anspruchsvolleres Marktumfeld. Besonders kleinere Fachgeschäfte müssen diese Herausforderungen oft ohne die Strukturen großer Handelsketten bewältigen.
Dennoch zeigt die Geschichte von Holzberg, dass Spezialisierung, Beratungskompetenz und Kundennähe weiterhin geschätzt werden. Das Geschäft konnte sich über Jahrzehnte behaupten und blieb bis zuletzt eine feste Adresse in Goslar.
Ein weiterer Verlust für die Angebotsvielfalt
Mit dem Ende von Holzberg verliert die Goslarer Innenstadt erneut ein inhabergeführtes Fachgeschäft. Solche Unternehmen prägen vielerorts die Identität von Innenstädten. Sie sorgen für Vielfalt, schaffen persönliche Bindungen und unterscheiden sich durch individuelle Angebote von standardisierten Filialkonzepten.
Gerade diese Mischung aus Tradition, Fachwissen und persönlichem Kontakt macht den besonderen Charakter vieler historischer Innenstädte aus. Jede Geschäftsaufgabe verändert daher auch das Gesicht einer Stadt.
Welche Nutzung die Räumlichkeiten in der Hokenstraße künftig erhalten werden, ist derzeit noch offen. Klar ist jedoch bereits jetzt, dass mit der Schließung eine lange gewachsene Tradition endet.
Ein Abschied mit Signalwirkung
Wenn Ende September die letzten Kundinnen das Geschäft verlassen und die Türen geschlossen werden, endet ein Kapitel Goslarer Einzelhandelsgeschichte. Seit 1964 war Holzberg Teil des wirtschaftlichen Lebens der Stadt, hat gesellschaftliche Veränderungen begleitet und mehrere Generationen von Kundinnen betreut.
Die Schließung erfolgt nicht infolge einer Insolvenz oder eines plötzlichen Einschnitts, sondern als bewusste Entscheidung nach jahrzehntelanger Tätigkeit. Gerade deshalb steht sie beispielhaft für eine Entwicklung, die viele Städte beschäftigt: Traditionsunternehmen verschwinden nicht zwangsläufig wegen wirtschaftlicher Schwierigkeiten, sondern häufig, weil sich keine Nachfolger finden.
Für die Goslarer Innenstadt bedeutet das Ende von Holzberg den Verlust eines bekannten Namens, eines gewachsenen Kundenstamms und eines Stücks lokaler Handelskultur. Die Geschichte des Geschäfts endet im September – seine Bedeutung für viele Menschen in Goslar dürfte jedoch noch lange in Erinnerung bleiben.


















