Eine absolute AfD-Mehrheit in Sachsen-Anhalt ist nach Einschätzung von Forsa-Chef Manfred Güllner kein ausgeschlossenes Szenario mehr. Der Meinungsforscher hält eine Mehrheit der Mandate bei der Landtagswahl am 6. September 2026 für möglich, warnt aber vor einer vorschnellen Deutung der Umfragen als sichere Prognose. Entscheidend wird sein, ob CDU, SPD und andere Parteien jenseits der AfD ihre Wähler mobilisieren – und welche Parteien am Ende an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern.
Magdeburg, 28. Juni 2026 – Die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt rückt näher, und mit ihr eine Frage, die die politische Debatte im Land zunehmend bestimmt: Kann die AfD nicht nur stärkste Kraft werden, sondern im neuen Landtag sogar eine absolute Mehrheit der Sitze erreichen? Der Meinungsforscher Manfred Güllner hält dieses Szenario für möglich. Eine sichere Vorhersage ist das nicht. Doch allein die Möglichkeit zeigt, wie stark sich die politischen Kräfteverhältnisse in Sachsen-Anhalt verschoben haben.
Im Zentrum steht dabei ein oft missverstandener Punkt: Eine absolute AfD-Mehrheit müsste nicht zwingend bedeuten, dass die Partei mehr als die Hälfte aller Stimmen erhält. Gemeint ist vor allem eine absolute Mehrheit der Mandate. Diese kann rechnerisch auch dann entstehen, wenn die AfD unter 50 Prozent bleibt, aber mehrere kleinere Parteien an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern und ihre Stimmen bei der Sitzverteilung nicht berücksichtigt werden.
Genau diese Konstellation macht die Lage so brisant. In aktuellen Umfragen liegt die AfD in Sachsen-Anhalt deutlich vor der CDU. Zugleich bewegen sich mehrere Parteien nahe an oder unter der Sperrklausel. Für die Zusammensetzung des nächsten Landtags kann deshalb nicht nur entscheidend sein, wie stark die AfD wird, sondern auch, wie viele Stimmen im Lager kleinerer Parteien am Ende ohne Mandatswirkung bleiben.
Absolute AfD-Mehrheit: möglich, aber nicht vorhergesagt
Güllners Einschätzung ist vor allem eine Warnung vor einem politischen Szenario, keine Festlegung auf einen Wahlausgang. Der Forsa-Chef sieht eine absolute AfD-Mehrheit in Sachsen-Anhalt als „durchaus möglich“ an, verbindet diese Möglichkeit aber mit Bedingungen. Aus seiner Sicht hängt vieles davon ab, ob die Parteien der politischen Mitte ihre potenziellen Wähler erreichen und zur Teilnahme an der Wahl bewegen.
Damit geht es nicht allein um die AfD. Es geht auch um die Schwäche oder Stärke der Konkurrenz, um Wahlbeteiligung, Mobilisierung und strategische Bedeutung der Fünf-Prozent-Hürde. Wer aus Güllners Aussage ableitet, eine absolute Mehrheit der AfD sei bereits absehbar oder gar sicher, verkürzt den Befund. Belastbar ist: Eine absolute Mandatsmehrheit ist unter bestimmten Umständen rechnerisch möglich. Nicht belastbar wäre die Behauptung, sie werde mit hoher Sicherheit eintreten.
Gerade diese Unterscheidung ist für die Einordnung wichtig. Umfragen messen Stimmungen zu einem bestimmten Zeitpunkt. Sie zeigen politische Trends, aber sie ersetzen kein Wahlergebnis. Bis zum 6. September 2026 können Wahlkampf, bundespolitische Debatten, regionale Themen, Kandidatenauftritte und die Mobilisierung der Parteien noch Einfluss auf die Entscheidung vieler Wähler nehmen.
Umfragen zeigen eine klare AfD-Führung in Sachsen-Anhalt
Die politische Debatte stützt sich auf Umfragewerte, die für Sachsen-Anhalt eine deutliche Führung der AfD ausweisen. Im Sachsen-Anhalt-Trend von Infratest dimap für den MDR lag die AfD Anfang Mai 2026 bei 41 Prozent. Die CDU kam demnach auf 26 Prozent. Dahinter folgten die Linke mit 12 Prozent und die SPD mit 7 Prozent.
Besonders relevant für die Sitzverteilung sind die Werte kleinerer Parteien. BSW und Grüne wurden in der Erhebung jeweils mit 4 Prozent ausgewiesen, die FDP mit 3 Prozent. Damit lägen sie unterhalb der Fünf-Prozent-Hürde. Sollten diese Parteien am Wahltag tatsächlich am Einzug in den Landtag scheitern, würden ihre Stimmen nicht in die Mandatsverteilung einfließen. Der Sitzanteil der Parteien, die den Sprung ins Parlament schaffen, würde entsprechend steigen.
Für die AfD wäre diese Ausgangslage politisch besonders günstig. Ein hoher Stimmenanteil oberhalb von 40 Prozent, kombiniert mit mehreren Parteien unterhalb der Sperrklausel, kann den Weg zu einer absoluten Mehrheit der Sitze öffnen. Das ist der Kern der Warnung. Es geht nicht um eine mathematische Gewissheit, sondern um eine reale Möglichkeit im bestehenden Wahlrecht.
Warum die Fünf-Prozent-Hürde so wichtig wird
Die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt wird mit Erst- und Zweitstimme entschieden. Maßgeblich für das Kräfteverhältnis der Parteien ist die Zweitstimme. Bei der Sitzverteilung werden grundsätzlich nur Parteien berücksichtigt, die mindestens fünf Prozent der gültigen Zweitstimmen erreichen. Stimmen für Parteien unterhalb dieser Schwelle wirken sich nicht auf die Mandatsverteilung aus.
Das kann den politischen Effekt eines Wahlergebnisses erheblich verändern. Eine Partei mit 41 Prozent der Stimmen hätte keine absolute Stimmenmehrheit. Wenn jedoch ein beträchtlicher Teil der Stimmen auf Parteien entfällt, die nicht in den Landtag einziehen, kann daraus ein deutlich höherer Sitzanteil entstehen. Deshalb ist die Frage, ob Grüne, BSW oder FDP die Sperrklausel überwinden, nicht nur für diese Parteien selbst entscheidend, sondern für das gesamte Kräfteverhältnis im Parlament.
Auch die SPD steht in diesem Umfeld unter Druck. Mit 7 Prozent lag sie in der jüngsten verfügbaren Umfrage zwar über der Fünf-Prozent-Hürde, aber weit entfernt von früherer Stärke. Die Linke wäre nach den Zahlen mit 12 Prozent klar im Landtag vertreten. Die CDU bliebe wichtigste Konkurrenz der AfD, hätte aber deutlichen Abstand zur stärksten Kraft.
Die CDU steht vor einer schwierigen Mobilisierungsaufgabe
Sachsen-Anhalt wird seit Jahren von Ministerpräsident Reiner Haseloff geprägt. Die CDU ist die zentrale Regierungspartei des Landes und zugleich die wichtigste Kraft, die der AfD parlamentarisch entgegentritt. Doch die aktuellen Umfragen zeigen ein schwieriges Bild: Die Christdemokraten liegen deutlich hinter der AfD. Für sie geht es deshalb nicht nur um den ersten Platz, sondern um die Frage, ob sie gemeinsam mit anderen Parteien ein Gegengewicht im Landtag sichern kann.
Güllners Hinweis auf die Mobilisierung zielt genau auf diesen Punkt. Ein erheblicher Teil der Wähler im Osten kann sich nach seiner Einschätzung nicht vorstellen, AfD zu wählen. Politisch entscheidend ist jedoch, ob diese Menschen tatsächlich zur Wahl gehen und sich für andere Parteien entscheiden. Bleiben sie zu Hause oder zerstreuen sich ihre Stimmen auf Parteien, die den Einzug verfehlen, kann die AfD trotz fehlender Stimmenmehrheit erheblich profitieren.
Für SPD, Grüne, BSW und FDP ist die Lage ebenfalls heikel. Jede Partei, die knapp an der Fünf-Prozent-Hürde scheitert, verändert indirekt die Mehrheitsverhältnisse. Der Wahlabend könnte daher nicht nur von der Frage geprägt sein, wie hoch die AfD liegt, sondern auch davon, welche kleineren Parteien den Einzug schaffen. In einem fragmentierten Parteiensystem können wenige Prozentpunkte über die parlamentarische Statik entscheiden.
AfD Sachsen-Anhalt steht unter Beobachtung des Verfassungsschutzes
Die Debatte über eine mögliche absolute AfD-Mehrheit in Sachsen-Anhalt hat auch deshalb besonderes Gewicht, weil der Landesverband vom Verfassungsschutz Sachsen-Anhalt als gesichert rechtsextremistische Bestrebung eingestuft wird. Diese Einordnung gehört zum politischen Hintergrund der Wahl und prägt die Bewertung möglicher Machtoptionen.
Eine absolute Mehrheit der AfD wäre für Sachsen-Anhalt ein tiefer politischer Einschnitt. Sie würde der Partei rechnerisch ermöglichen, ohne Koalitionspartner zu regieren. Ob eine solche Konstellation tatsächlich eintritt, bleibt offen. Doch die Kombination aus hoher Zustimmung in Umfragen, schwacher Lage mehrerer Konkurrenzparteien und der Sperrklausel macht das Szenario für Wahlforscher und Parteien relevant.
Die AfD profitiert in den Umfragen von einer ausgeprägten Unzufriedenheit mit etablierten Parteien. Gleichzeitig bleibt offen, wie stabil diese Werte bis zum Wahltag sind. Wahlkämpfe können Zuspitzungen verstärken, aber auch Gegenbewegungen auslösen. Für Sachsen-Anhalt bedeutet das: Die politische Lage ist angespannt, aber nicht abgeschlossen.
Was die Zahlen sagen – und was nicht
Die aktuellen Werte belegen eine starke AfD in Sachsen-Anhalt. Sie belegen auch, dass eine absolute Mandatsmehrheit unter bestimmten Voraussetzungen möglich wäre. Sie belegen jedoch nicht, dass die AfD diese Mehrheit sicher erreichen wird. Zwischen Umfrage und Wahlergebnis liegen noch Wochen, in denen Parteien um Stimmen, Aufmerksamkeit und Beteiligung kämpfen.
Wichtig ist zudem die statistische Unsicherheit von Umfragen. Befragungen arbeiten mit Stichproben und Schwankungsbreiten. Ein gemessener Wert von 41 Prozent ist daher kein punktgenauer Blick in den Wahltag, sondern ein belastbares Stimmungsbild innerhalb eines gewissen Korridors. Für die politische Einordnung reicht das, um eine Entwicklung zu erkennen. Für eine definitive Prognose reicht es nicht.
Auch deshalb muss die Debatte über eine absolute AfD-Mehrheit präzise geführt werden. Wer nur auf den höchsten Umfragewert blickt, übersieht die Mechanik des Wahlrechts. Wer nur auf die Unsicherheit von Umfragen verweist, unterschätzt die politische Relevanz des Trends. Beides gehört zusammen: Die AfD liegt klar vorn, und doch bleibt der Ausgang der Landtagswahl offen.
Ein Wahlkampf, in dem Mobilisierung zur Machtfrage wird
Für Sachsen-Anhalt zeichnet sich damit ein Wahlkampf ab, in dem klassische Parteikonkurrenz und mathematische Mehrheitsfragen eng ineinandergreifen. Die CDU muss verlorenes Vertrauen zurückgewinnen und zugleich Wähler erreichen, die eine AfD-Mehrheit verhindern wollen. Die SPD kämpft um Stabilität. Linke, Grüne, BSW und FDP stehen vor jeweils eigenen Herausforderungen, wobei für einige von ihnen der Einzug in den Landtag selbst zur zentralen Frage wird.
Die AfD wiederum geht nach den vorliegenden Umfragen aus einer Position deutlicher Stärke in die Schlussphase vor der Wahl. Ihre Werte liegen weit über denen der übrigen Parteien. Doch auch für sie gilt: Erst das Ergebnis am 6. September entscheidet über Mandate, Mehrheiten und politische Optionen.
Die Warnung Güllners hat deshalb ihren Kern nicht in Alarmismus, sondern in einer nüchternen Analyse der Zahlen. Eine absolute AfD-Mehrheit in Sachsen-Anhalt ist möglich, wenn mehrere Faktoren zusammenkommen: ein starkes AfD-Ergebnis, schwache Werte der Konkurrenz, eine niedrige oder einseitig verteilte Mobilisierung und das Scheitern kleiner Parteien an der Fünf-Prozent-Hürde.
Der eigentliche Prüfstein kommt erst am Wahltag
Sachsen-Anhalt steht vor einer Landtagswahl, deren Bedeutung über das Bundesland hinausreicht. Die Frage einer möglichen absoluten AfD-Mehrheit macht den Urnengang zu einem politischen Prüfstein: für die AfD, für die CDU als bisher prägende Kraft, für die kleineren Parteien und für die Fähigkeit der politischen Mitte, Wähler zu erreichen, die sich nicht von Umfragen, sondern von konkreten Angeboten überzeugen lassen.
Noch ist die Wahl nicht entschieden. Sicher ist nur, dass die AfD in Sachsen-Anhalt derzeit eine außergewöhnlich starke Ausgangsposition hat. Ebenso sicher ist, dass eine absolute Mehrheit nicht allein von ihrem Stimmenanteil abhängt. Am Ende wird zählen, wer mobilisiert, wer die Sperrklausel überwindet und wie sich die Stimmen in Mandate übersetzen. Genau darin liegt die politische Spannung dieser Wahl.


















