In Sachsen-Anhalt wächst wenige Monate vor der Landtagswahl die Verunsicherung vieler Menschen mit Migrationsgeschichte. Migrantenorganisationen berichten von zunehmenden Zukunftsängsten, Überlegungen zur Abwanderung und einer spürbaren Sorge vor politischen Veränderungen. Die Debatte reicht inzwischen weit über Wahlprogramme hinaus und berührt grundlegende Fragen nach Zugehörigkeit, Sicherheit und gesellschaftlichem Zusammenhalt.

Magdeburg, 11. Juni 2026 – Die bevorstehende Landtagswahl in Sachsen-Anhalt entwickelt sich für viele Menschen mit Migrationsgeschichte zu einem politischen Wendepunkt. Während Parteien ihre Positionen schärfen und Umfragen neue Kräfteverhältnisse erkennen lassen, wächst in Teilen der migrantischen Bevölkerung die Unsicherheit über die eigene Zukunft im Bundesland. Es geht dabei nicht allein um Wahlkampf und Parteipolitik. Im Mittelpunkt stehen Fragen, die den Alltag betreffen: Bleibt Sachsen-Anhalt ein Ort, an dem Menschen unabhängig von ihrer Herkunft langfristig leben, arbeiten und Familien gründen können?

Aus Migrantenorganisationen kommen seit Monaten Hinweise auf eine zunehmend angespannte Stimmung. Gespräche in Vereinen, Netzwerken und Familienkreisen drehen sich immer häufiger um politische Entwicklungen, gesellschaftliche Akzeptanz und die Perspektiven für die kommenden Jahre. Besonders deutlich äußerte sich das Landesnetzwerk Migrantenorganisationen Sachsen-Anhalt. Dort berichten Verantwortliche von einer spürbaren Verunsicherung vieler Mitglieder und von Menschen, die erstmals ernsthaft darüber nachdenken, ihren Lebensmittelpunkt in ein anderes Bundesland oder sogar ins Ausland zu verlagern.

Nach Angaben aus dem Netzwerk denken rund 80 Prozent der dort befragten Personen über einen Wegzug nach. Die Zahl stammt aus einer internen Erhebung und ist nicht repräsentativ für die gesamte Bevölkerung. Dennoch verdeutlicht sie die Stimmungslage innerhalb eines Teils der migrantischen Community. Die Diskussionen zeigen, dass die Landtagswahl von vielen Betroffenen nicht nur als politisches Ereignis wahrgenommen wird, sondern als Entscheidung mit unmittelbaren Auswirkungen auf ihr persönliches Leben.

Landtagswahl in Sachsen-Anhalt wird zum Gradmesser für gesellschaftliche Stimmung

Den Hintergrund dieser Entwicklung bilden die aktuellen politischen Kräfteverhältnisse im Land. Mehrere Umfragen sehen die AfD deutlich vor den übrigen Parteien. Im Sachsen-AnhaltTrend vom Mai erreichte die Partei 41 Prozent und lag damit klar vor der CDU, die auf 26 Prozent kam. Dahinter folgten Linke, SPD sowie weitere Parteien mit deutlich geringerem Zuspruch.

Partei Umfragewert Mai 2026
AfD 41 Prozent
CDU 26 Prozent
Linke 12 Prozent
SPD 7 Prozent
Grüne 4 Prozent
BSW 4 Prozent

Für viele Menschen mit Migrationsgeschichte haben diese Zahlen eine besondere Bedeutung. Der Landesverband der AfD in Sachsen-Anhalt wird vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistische Bestrebung eingestuft. Die Partei weist diese Einordnung zurück. Gleichwohl prägt sie die öffentliche Debatte und beeinflusst die Wahrnehmung vieler Betroffener. Hinzu kommt, dass Migration seit Jahren zu den zentralen politischen Themen der Partei gehört und auch im aktuellen Wahlkampf eine herausgehobene Rolle spielt.

In diesem Umfeld wächst die Sorge, dass sich das gesellschaftliche Klima verändern könnte. Migrantenorganisationen berichten von Menschen, die sich fragen, wie sich politische Mehrheiten künftig auf ihren Alltag auswirken könnten. Dabei geht es weniger um konkrete politische Maßnahmen als um das Gefühl gesellschaftlicher Zugehörigkeit und Akzeptanz.

Migration ist längst Teil der wirtschaftlichen Realität

Die Diskussion fällt in eine Zeit, in der Sachsen-Anhalt weiterhin vor erheblichen demografischen Herausforderungen steht. Die Bevölkerungszahl des Bundeslandes ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gesunken. Ende 2025 lebten rund 2,12 Millionen Menschen in Sachsen-Anhalt. Gleichzeitig altert die Bevölkerung, während viele Unternehmen händeringend nach Fachkräften und Nachwuchs suchen.

Menschen mit Migrationsgeschichte spielen deshalb in zahlreichen Bereichen eine wichtige Rolle. Sie arbeiten in Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen, Handwerksbetrieben, Industriebetrieben, Logistikunternehmen, gastronomischen Einrichtungen und im Bildungsbereich. In vielen Regionen gehören sie längst selbstverständlich zum gesellschaftlichen Alltag.

Nach Angaben der Industrie- und Handelskammer Magdeburg stammen Auszubildende in den Mitgliedsunternehmen inzwischen aus 75 verschiedenen Nationen. Rund 14 Prozent aller neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge entfallen auf junge Menschen aus dem Ausland. Für viele Unternehmen ist dies nicht mehr nur eine Frage der Integration, sondern eine wirtschaftliche Notwendigkeit.

Fachkräftemangel verschärft die Debatte

Die Diskussion über Migration wird deshalb zunehmend auch aus wirtschaftlicher Perspektive geführt. Arbeitgeberverbände, Kammern und Unternehmen verweisen regelmäßig darauf, dass zahlreiche Branchen auf internationale Fachkräfte angewiesen sind. Gerade in strukturschwächeren Regionen kann bereits der Wegzug weniger Beschäftigter erhebliche Folgen haben.

Besonders betroffen wären Bereiche, in denen Personal schon heute knapp ist. Dazu zählen unter anderem Pflegeberufe, medizinische Einrichtungen, Handwerksbetriebe, die Gastronomie und Teile der Industrie. Viele Arbeitgeber werben seit Jahren gezielt um Fachkräfte aus dem Ausland, um offene Stellen besetzen zu können.

Vor diesem Hintergrund betrachten zahlreiche Unternehmen die aktuelle Debatte mit Aufmerksamkeit. Sie sehen in einer erfolgreichen Integration nicht nur eine gesellschaftliche Aufgabe, sondern auch einen wichtigen Standortfaktor für die wirtschaftliche Entwicklung Sachsen-Anhalts.

Politische Repräsentation bleibt ein Streitpunkt

Ein weiterer Aspekt der Diskussion betrifft die politische Beteiligung. Menschen mit Migrationsgeschichte sind im Landtag bislang nur in sehr geringem Umfang vertreten. Nach Angaben aus Integrationsverbänden liegt der Anteil von Abgeordneten mit Migrationsgeschichte bei etwa einem Prozent und damit deutlich unter ihrem Anteil an der Bevölkerung.

Diese geringe Repräsentation wird von vielen Organisationen als Problem betrachtet. Sie argumentieren, dass gesellschaftliche Gruppen ihre Interessen nur dann wirksam einbringen können, wenn sie auch in politischen Entscheidungsprozessen sichtbar vertreten sind.

Hinzu kommt, dass zahlreiche Menschen mit ausländischer Staatsangehörigkeit zwar dauerhaft in Sachsen-Anhalt leben, arbeiten und Steuern zahlen, jedoch nicht an der Landtagswahl teilnehmen dürfen. Die Debatte über politische Teilhabe wird daher seit Jahren geführt und erhält im Vorfeld der Wahl zusätzliche Aufmerksamkeit.

Forderungen nach mehr Beteiligung und Sicherheit

Das Landesnetzwerk Migrantenorganisationen Sachsen-Anhalt vertritt nach eigenen Angaben rund 120 Organisationen und Einzelpersonen. Von dort kommen mehrere Forderungen an Politik und Gesellschaft, die über den eigentlichen Wahlkampf hinausreichen.

  • Stärkere Maßnahmen gegen Rassismus und Diskriminierung im Alltag.
  • Mehr politische Beteiligungsmöglichkeiten für Menschen mit Migrationsgeschichte.
  • Engere Zusammenarbeit zwischen Landesregierung und Migrantenorganisationen.
  • Klare Signale für Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und gesellschaftlichen Zusammenhalt.
  • Verlässliche Rahmenbedingungen für Menschen, die langfristig in Sachsen-Anhalt leben und arbeiten möchten.

Besonders häufig wird dabei die Situation an Schulen angesprochen. Eltern und Verbände berichten von der Sorge, dass gesellschaftliche Spannungen auch dort stärker sichtbar werden könnten. Bildungseinrichtungen gelten deshalb als wichtige Orte, an denen Integration und gesellschaftliches Miteinander konkret erlebt werden.

Der Wahlkampf berührt mehr als Parteiprogramme

Mit Blick auf die Landtagswahl am 6. September richtet sich die Aufmerksamkeit zunehmend auf die Frage, welche politischen Signale vom Wahlergebnis ausgehen werden. Ministerpräsident Sven Schulze und die CDU stehen vor der Herausforderung, den Abstand zur AfD zu verkleinern. Gleichzeitig schließen mehrere Parteien eine Zusammenarbeit mit der AfD weiterhin aus.

Für viele Menschen mit Migrationsgeschichte hat diese politische Auseinandersetzung eine andere Dimension als für große Teile der übrigen Bevölkerung. Während für die einen vor allem Fragen der Regierungsbildung im Mittelpunkt stehen, geht es für andere um persönliche Perspektiven, um Sicherheit im Alltag und um das Gefühl, dauerhaft Teil der Gesellschaft zu sein.

Die Diskussion zeigt, wie eng politische Entwicklungen und gesellschaftliche Wahrnehmungen miteinander verbunden sind. Die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt ist deshalb längst nicht mehr nur ein Wettbewerb zwischen Parteien. Sie ist auch ein Stimmungsbild darüber, wie ein Bundesland mit Vielfalt, Integration und gesellschaftlichem Wandel umgeht.

Eine Entscheidung mit Signalwirkung über den Wahltag hinaus

Wenn die Wählerinnen und Wähler Anfang September ihre Stimmen abgeben, wird über die Zusammensetzung des nächsten Landtags entschieden. Gleichzeitig richtet sich der Blick vieler Menschen auf die Frage, welches Signal von diesem Wahlergebnis ausgeht. Für Migrantenorganisationen, Unternehmen und zahlreiche Bürgerinnen und Bürger steht dabei mehr auf dem Spiel als ein Regierungswechsel.

Die kommenden Monate werden zeigen, ob es gelingt, bestehende Unsicherheiten abzubauen und Vertrauen zu stärken. Die Debatte um Migration, Integration und gesellschaftlichen Zusammenhalt wird Sachsen-Anhalt unabhängig vom Wahlausgang weiter begleiten. Die Landtagswahl könnte jedoch darüber entscheiden, in welchem Ton und mit welcher Intensität diese Diskussion künftig geführt wird.