In Bottrop verkauft ein Hof Erdbeeren direkt durchs Autofenster. Für Wernigerode ist ein solches Drive-in-Modell bislang nicht angekündigt, doch die geplante Karls-Ansiedlung und das Pop-up-Angebot in der Stadt machen die Frage naheliegend: Welche Verkaufsformen passen künftig zum Erdbeerstandort im Harz?

Wernigerode, 29. Juni 2026 – Erdbeeren kaufen, ohne auszusteigen: In Bottrop-Kirchhellen ist daraus ein eigenes Verkaufsmodell geworden. Am Schmücker Hof können Kundinnen und Kunden mit dem Auto vorfahren, bestellen und Erdbeeren sowie Erdbeerprodukte direkt am Wagen erhalten. Der Betreiber bewirbt das Angebot als Erdbeer-Drive-in und verweist auf die Lage am Autobahnkreuz Bottrop-Kirchhellen.

Für Wernigerode ist ein solches Konzept bislang nicht belegt. Weder für die geplante Karls-Ansiedlung noch für das Pop-up-Angebot in der Stadt gibt es eine bestätigte Ankündigung, dass Erdbeeren künftig direkt ins Auto verkauft werden sollen. Trotzdem berührt das Beispiel aus Nordrhein-Westfalen eine Frage, die für Wernigerode in den kommenden Jahren wichtiger werden dürfte: Wie verändert sich der Erdbeer- und Ausflugstourismus, wenn Erlebnisgastronomie, Direktvermarktung und Autoverkehr stärker zusammenrücken?

Was in Bottrop bereits Realität ist

Das Bottroper Modell ist einfach erklärt: Der Einkauf wird auf das Auto zugeschnitten. Kundinnen und Kunden fahren vor, geben ihre Bestellung auf und bekommen frische Erdbeeren oder verarbeitete Erdbeerprodukte ausgehändigt. Zum Angebot zählen nach Betreiberangaben neben frischen Früchten auch Spezialitäten wie Shakes, Slushys, Eis und Softeis.

Damit unterscheidet sich das Angebot von klassischen Verkaufsständen am Straßenrand. Der Drive-in macht den Kauf zum schnellen Zwischenstopp. Entscheidend ist dabei nicht nur die Erdbeere selbst, sondern die Kombination aus Lage, Erreichbarkeit und niedrigschwelliger Abwicklung. Wer ohnehin unterwegs ist, soll den Einkauf ohne längeren Aufenthalt erledigen können.

Berichtet wurde auch über starken Andrang kurz nach dem Start. Das spricht dafür, dass das Konzept zumindest als Neuheit Aufmerksamkeit erzeugt. Belastbar ist allerdings nur: In Bottrop gibt es dieses Modell. Nicht belegt ist, dass es sich ohne Weiteres auf andere Städte übertragen lässt.

Wernigerode hat andere Voraussetzungen

Wernigerode steht beim Thema Erdbeeren derzeit aus einem anderen Grund im Fokus. Karls plant in der Stadt ein Erlebnis-Dorf, dessen Eröffnung für 2028 vorgesehen ist. Bereits 2026 gibt es ein Pop-up-Angebot, das als Vorab-Version und Testphase verstanden werden kann. Dabei geht es nach den bekannten Angaben ausdrücklich auch um organisatorische Fragen: Besucherströme, Verkehrsplanung, Infrastruktur und Lärm spielen eine Rolle.

Genau hier liegt der Unterschied zu Bottrop. Ein Drive-in kann nur funktionieren, wenn die Verkehrsführung darauf ausgelegt ist. Autos müssen anfahren, warten, bestellen und wieder abfließen können, ohne umliegende Straßen oder Zufahrten zu belasten. Für Wernigerode ist bislang nicht bekannt, dass ein solches System geplant oder geprüft wird.

Auch das geplante Karls-Erlebnis-Dorf folgt einem anderen Grundgedanken als ein reiner Autoverkauf. Im Mittelpunkt steht nicht allein der schnelle Erwerb von Erdbeeren, sondern ein touristisches Angebot mit Aufenthaltscharakter. Nach den bisher bekannten Informationen soll das Projekt auf einer großen Fläche entstehen, mit erheblicher Investition und einer Eröffnung zur Erdbeersaison 2028. Erdbeeren sollen dabei nicht vor Ort angebaut werden, sondern aus Rövershagen kommen.

Warum die Frage trotzdem relevant ist

Die Frage nach einem Drive-in ist für Wernigerode nicht deshalb interessant, weil ein solches Angebot bereits angekündigt wäre. Interessant ist sie, weil sie einen größeren Trend sichtbar macht: Erdbeeren werden längst nicht mehr nur als Saisonware verkauft. Sie sind Teil von Ausflugszielen, Markenwelten und regionalen Vermarktungskonzepten geworden.

In der Harzregion gibt es schon heute regionale Erdbeerangebote. Dazu gehören etwa Anbieter aus Schladen, die auch auf dem Wochenmarkt in Wernigerode präsent sind und Selbstpflücken anbieten. Das zeigt: Der Markt für Erdbeeren ist nicht neu. Neu wäre höchstens die Form, in der solche Produkte verkauft oder touristisch inszeniert werden.

Ein Drive-in könnte theoretisch für bestimmte Standorte attraktiv sein, etwa an stark befahrenen Straßen oder bei Betrieben mit viel Park- und Rangierfläche. Für eine touristisch geprägte Stadt wie Wernigerode stellen sich jedoch zusätzliche Fragen. Passt ein autobetontes Modell zu einer Innenstadt, die ohnehin mit Besucherströmen umgehen muss? Würde ein solches Angebot Verkehr bündeln oder zusätzlichen Verkehr erzeugen? Und wäre es für Anbieter überhaupt wirtschaftlich interessanter als ein klassischer Hofladen, Marktstand oder Erlebnisbetrieb?

Keine Ankündigung, sondern ein Prüfstein

Journalistisch entscheidend ist die Trennung zwischen belegter Entwicklung und naheliegender Frage. Belegt ist: Bottrop hat ein Erdbeer-Drive-in. Belegt ist auch: Wernigerode bereitet sich auf ein größeres Erdbeer- und Erlebnisangebot durch Karls vor. Nicht belegt ist dagegen, dass Bottrop ein konkretes Vorbild für Wernigerode sein soll oder dass ein Drive-in dort geplant ist.

Deshalb wäre eine Überschrift, die einen kommenden Erdbeer-Drive-in in Wernigerode nahelegt, irreführend. Korrekt ist ein anderer Ansatz: Bottrop zeigt, wie Direktvermarktung im Autoformat aussehen kann. Wernigerode steht vor der Frage, welche Verkaufs- und Besucherkonzepte im Umfeld der Karls-Ansiedlung sinnvoll, verträglich und tatsächlich geplant sind.

Das Pop-up-Angebot in Wernigerode liefert dafür einen ersten Praxistest. Wenn Besucherzahlen, Verkehrsabläufe und organisatorische Prozesse ausgewertet werden, kann daraus auch deutlich werden, welche Formen der Vermarktung vor Ort funktionieren. Ein Drive-in ist dabei nur eine denkbare Variante unter vielen – und bislang eben keine bestätigte.

Für Wernigerode zählt am Ende nicht die Kopie aus Bottrop

Der Blick nach Bottrop zeigt, wie kreativ Erdbeerbetriebe ihre Produkte inzwischen verkaufen. Für Wernigerode lässt sich daraus aber keine direkte Entwicklung ableiten. Die Stadt hat mit der geplanten Karls-Ansiedlung, dem Pop-up-Betrieb und den bestehenden regionalen Angeboten eine eigene Ausgangslage.

Ob ein Modell wie „Erdbeeren direkt ins Auto“ dort jemals eine Rolle spielt, ist offen. Entscheidend wird sein, ob künftige Konzepte zur Stadt, zum Verkehr und zum touristischen Profil passen. Bottrop kann dafür ein Beispiel sein. Ein Beleg für Wernigerode ist es nicht.

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